„Wer weiß die Antwort?“
Ahnungsloses Schweigen verschluckte die Stimme meines neuen Lehrers. Ich wusste die Antwort, natürlich, Geschichte war schon immer mein Lieblingsfach gewesen. Aber ich hütete mich davor, mich zu melden. Nur keine Aufmerksamkeit erregen, nicht auffallen, schön ruhig bleiben; ich war der Neue, sie wussten nichts über mich, und so sollte es auch bleiben; keiner durfte erfahren, wie ich wirklich war.
Als klares Zeichen, dass ich nichts mit dem Geschehen um mich herum zu tun haben wollte, drehte ich mich ab und betrachtete die Landschaft durch die breite Glasfront der Schulzimmerfenster. Es regnete ein wenig, Wolken hingen dunkel am Horizont über einer gräulich schimmernden Wiese. Ein schwaches Licht schmerzte die Augen mit jener Helligkeit, die ahnen ließ, dass die Sonne demnächst den Kampf gewinnen und hervorbrechen würde.
Früher, ja, früher, da war ich anders gewesen. Ich hätte mich gemeldet; nicht nur die Hand aufgehalten, nein, ich hätte gewunken und geschnippt und seltsame Laute von mir gegeben, bis ich dran gewesen wäre, ein richtig lästiger Kerl, der nach Aufmerksamkeit lechzte. Ich war laut, gereizt, mit Anzeichen eines ADHS-Kindes – still zu sitzen ging schon gar nicht. Immer wieder brach der Jähzorn durch. Wenn mir was nicht passte, dann handelte ich, die Konsequenzen waren mir schnurz. Was hatte ich mich geprügelt; im Schulhof, in der Sportstunde, ja sogar während des Unterrichts im Klassenzimmer konnte ich einfach aufstehen, den Raum durchqueren und einem Mitschüler eine verpassen, weil er mich geärgert hatte. Nein, ich war nicht liebenswert. Als Scheidungskind, das schon im Alter von fünf Jahren von Vater und Mutter getrennt wurde und für eine Weile bei Pflegeeltern aufwachsen musste, fühlte ich mich verlassen und zurückgestoßen; den Kummer hatte ich mir angefressen. Und so erntete ich Spott und Häme, wie es dicke Kinder oft ertragen müssen; früh hatte ich gelernt, mich mit den Fäusten zu wehren.
Aber so wollte ich nicht mehr sein. Sie durften nicht wissen, wie ich gewesen war, die Schüler der 7. Klasse, die ich als Übergangsjahr für die Oberstufe seit drei Monaten besuchte; in einer anderen Stadt, einer neuen Schule, mit Kindern, von denen ich keinen einzigen kannte. Und die nichts von meiner Vergangenheit ahnten.
„Weiß die Antwort wirklich keiner?“
Die Stimme des Lehrers unterbrach meine Gedanken wie ein unwillkommener Eindringling. Ja ja, ich weiß die Antwort, aber lasst mich doch einfach in Ruhe! Ich will nichts sagen, mich nicht vordrängen, auf keinen Fall in den Mittelpunkt rücken, will Anonymität, ein Fremder unter Fremden bleiben, keine Fehler machen. Damit ihr mich nicht wieder verletzen könnt!
Ich entzog mich der Teilnahme und schaute weiter nach draußen, um von mir abzulenken. Dabei bemerkte ich, wie mich ein Mädchen, das eine Bankreihe links hinter mir saß, aufmerksam beobachtete. Schnell unterbrach ich den Augenkontakt. Nur nichts preisgeben, die Augen sind die Spiegel der Seele! So sagt man. Daniela war keine Schönheit im klassischen Sinn – ich hatte sie bis dahin kaum beachtet – aber sie strahlte etwas Ruhiges, Liebes und Vertrauenswürdiges aus, und ich ertappte mich dabei, wie ich verstohlen zu ihr hinüberschaute. Sie verunsicherte mich. Was glotzt du mich an? Lass mich in Ruhe.
Es mag der Eindruck entstehen, dass ich in der Sechsten ein richtiges kleines Monster gewesen war. Gut möglich. Aber auch wenn es schwer zu glauben ist: Ich war bei weitem nicht der Schlimmste. Einige Jungs aus dieser Klasse mauserten sich zu stadtbekannten Schlägern und Kriminellen, wurden Mitglied bei den Hells Angels oder hielten sich auf andere Art nicht an die gesellschaftlichen Regeln. Und nicht ich war es, der unserem Lehrer aus Zorn beinahe die Faust ins Gesicht schlug, weil dieser ihn wegen groben Fouls vom Fußballfeld verwiesen hatte.
Wenn ich es recht bedenke, konnte ich auch nicht so unbeliebt gewesen sein, wie damals empfunden. Ich hatte mehrere gute Freunde, wurde zu jeder Schulpartie eingeladen und erinnere mich gerührt an jenen Nachmittag, als mich die ganze Schulklasse vor einem wesentlich älteren Jungen in Schutz nahm, der mich grundlos quälen wollte.
Trotzdem war ich froh gewesen, in einer Vorstadtgemeinde das Zwischenjahr zur Oberstufe einlegen zu können, weit weg aus meiner verkorksten Vergangenheit. Ein Neuanfang in einem unverbrauchten Umfeld; ein Niemand ohne belastende Vorgeschichte. Ich wollte nicht mehr der von früher sein, verkroch mich tief in mir selbst, legte einen harten Panzer zu und nahm mir vor, keinen mehr an mich heranzulassen. Wer könnte mich jetzt noch angreifen?
„René, weißt du vielleicht die Antwort?“
Ich schrak hoch. Fünfzehn Augenpaare richteten sich auf mich wie Scheinwerfer, wurden größer und größer, so groß wie Teller, der Raum zog sich zusammen, enger, noch enger; ich suchte nach einer Fluchtmöglichkeit, die Zunge kratzte trocken über den Gaumen. Warum nimmt er ausgerechnet mich dran? Lasst mich in Frieden! Ich will nicht hier sein. Ihr wollt mich nicht kennen! Kein Ausweg in Sicht. Doch wenigstens wusste ich die Antwort, die ich mit unsicherer Stimme vorzutragen begann.
„Die Punischen Kriege waren drei Kriege zwischen Römern und Karthagern.“
Mein Gesicht brannte.
„Beim dritten besiegten die Römer die Karthager endgültig und rissen ihre Hauptstadt bis auf die Grundmauern nieder.“
Ich fühlte mich ein wenig sicherer. In Geschichte war ich sattelfest. Also setzte ich noch einen drauf.
„Es heißt sogar, die Römer ließen Salz auf dem Land in und rings um die Stadt verstreuen, damit dort niemals wieder etwas wachsen solle.“
Einen ewigen Moment lang herrschte Totenstille. Mein Lehrer musterte mich amüsiert, schien sehr zufrieden mit sich. Lacht er mich aus? „Sehr gut, absolut richtig“, sagte Herr Crescenti. Dann wandte er sich wieder zur Tafel, erzählte irgendetwas über Hannibal, aber seine Stimme verebbte in meinen Ohren zu monotonem Geplätscher. Aller Augen wandten sich wieder ab, das Flutlicht verschwand, ich war wieder in Sicherheit. Geborgen. Allein.
Aufgewühlt suchte ich erneut Schutz in der Landschaft draußen vor dem Fenster. Hatte sich etwas verändert? Das Licht? Die Schatten? Ich wurde unvorsichtig; Danielas Augen fingen mich ein und hielten mich entschlossen fest. Ich wollte wegsehen, aber in meiner Verteidigung klafften Breschen so breit wie Scheunentore. „Schau, schau, du kannst ja tatsächlich sprechen“, flüsterte sie und bedachte mich mit einem warmen, freundlichen Blick, der tief in meiner Seele wühlte. Und sagte, was alles veränderte.
„Du schaust immer so traurig aus. Bitte lächle doch einmal! Für mich.“
Simple Worte. Doch mit ihrer ehrlichen, mitfühlenden Anteilnahme trafen sie mein Innerstes wie eine Urgewalt. Als wären sie nur für diesen Zweck maßgeschneiderte Pfeile, durchdrangen sie meine Rüstung und trafen mein Herz aus Stein. Es zersprang in tausend Teile, zerfiel zu Staub, der prickelnd die Nervenstränge entlang raste, bis in die äußersten Spitzen, um dort bedeutungslos zu verpuffen. Eine tonnenschwere Last fiel ab; es war mir nicht bewusst gewesen, was ich da so lange mit mir herumgeschleppt hatte.
Auf einmal fühlte ich mich nicht mehr allein, war kein Fremder unter Fremden mehr, sondern Teil eines Ganzen. Von jetzt an gehörte ich dazu, gewann neue Freunde, verliebte mich und schaffte ein Jahr später den Sprung in die Oberstufe. Weil ein unbekanntes Mädchen unter meine Schale gesehen, den Schmerz erkannt und Anteil genommen hatte. Leider hat sie nie erfahren, wie reich sie mich in jenem Augenblick beschenkt hatte. Vielleicht, ja vielleicht, ergibt sich irgendwann doch noch die Gelegenheit, um mich zu bedanken.
Ich lächelte Daniela zu, etwas zaghaft und unbeholfen. Draußen zerriss die Wolkenwand, und die Sonne ließ die Wiese in frischem Grün erstrahlen, mit gelben Tupfern aus Löwenzahn und Butterblumen.

Der Frühling erwachte.

 

2. Platz von 100 Einsendungen im Genre-Wettbewerb, 2016, Urteil der Jury:

„Vielleicht knapp 10 Minuten erzählte Zeit umfasst diese Geschichte: Zehn Minuten einer Unterrichtsstunde: Ein Junge, René, sitzt in seiner Bank und versucht sich unsichtbar zu machen. Seine Gedanken verraten einen Teil seiner Vorgeschichte, so wie er sie empfindet. Er ist zutiefst unsicher, mag sich selbst nicht leiden. Ein Mädchen sucht seinen Blick, findet ihn endlich und sagt nur einen Satz, einen Satz der die Welt dieses Jungen verändert. Keine große Liebesgeschichte, nur die Geschichte einer einfachen kleinen Freundlichkeit. Schlicht und natürlich erzählt, berührend. Eingefasst ist die Handlung in zwei Blicke aus demselben Fenster. Am Anfang sieht die Landschaft draußen trübe aus, wie das Innere des Jungen. Beim zweiten Blick ist sie plötzlich heiter – eine sehr schöne und passende Verbindung zwischen der Innen- und der Außenwelt!“ (Quelle)

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